Geschichte der Lukaskirche - zusammengestellt von Karl Prätorius

Die Geschichte der Lukaskirche beginnt 1947 mit der Errichtung des 3. Pfarrbezirks der Lutherischen Pfarrkirche, der nach der Aufteilung des Stadtgebiets in etwa 6 gleich große Bezirke als neuerrichteter 7. Bezirk hinzu kommt. Er umfasst (zunächst) das Südviertel der Stadt und das gesamte Gebiet jenseits der Lahn mit etwa 2500 Gemeindegliedern. Für ihn ist von Anfang an der in Magdeburg geborene, ehemalige Marine- und Wehrmachtspfarrer Armin Schallehn zuständig.

Als von 1951 an die von den Amerikanern beschlagnahmten Häuser im Südbahnhofsviertel wieder an die Eigentümer zurückgegeben werden, beginnt man dort auch neue Häuser zu bauen. Mit der Wohnbevölkerung wächst auch die Zahl der evangelischen Gemeindeglieder.

Das ehemalige Pfarrhaus (Foto: Karl Prätorius)

Die neue Stadtrandsiedlung, ohne eigene Kirche und eigenes Pfarrhaus, trägt kirchlich gesehen den Charakter eines Filialdorfes mit einem weiten Weg zur Kirche. „Vordringlichstes Ziel“, so Pfarrer Schallehn, ist daher, der Gemeinde ein kirchliches Zentrum zu geben. Und so wird auf einem neu erworbenen Grundstück in der Zeppelinstraße in einer Bauzeit von nur 8 Monaten ein Gemeindezentrum fertig gestellt. Es ist mit Pfarrhaus, Nebenräumen und integrierter Kapelle der erste kirchliche Bau nach dem Kriege in Marburg, entworfen von Baurat Osterwodt und am 13. März 1954 eingeweiht.

Zehn Jahre später vollzieht Bischof D. Vellmer mit einer “Umpfarrungs- und Errichtungsurkunde“ nun auch kirchenrechtlich die Teilung der auf über 4000 Mitgliedern angewachsenen Gesamtgemeinde und zwar in zwei eigenständige Kirchengemeinden: in die „Evangelische Kirchengemeinde der Pfarrkirche“ und in die „Evangelische Kirchengemeinde der Lukaskirche“, mit der Lahn als Grenze. – Mit Datum 1. Januar 1964 wird somit die Gemeinde der Lukaskirche eigenständige Kirchengemeinde.

Die Erschließung neuer Baugebiete um 1960 eröffnet eine großangelegte Bautätigkeit und als Folge einen immensen Zuzug in die Lukasgemeinde. Um den pfarramtlichen Aufgaben einigermaßen gerecht zu werden, wird 1963 eine weitere Pfarrstelle, „Lukas II“, errichtet („Emmausgemeinde“) und ebenso 1967 „Lukas III“ (Richtsberg).

Dem ersten Pfarrer der Lukasgemeinde, Armin Schallehn, folgt 1969 die aus Ostpreußen stammende Pfarrerin Astrid Räder. Sie ist bereits seit 1963 Inhaberin der zweiten Pfarrstelle von Lukas und überhaupt erste Gemeindepfarrerin in der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Neben den zentralen Gottesdiensten bereichern wichtige Arbeitskreise das Gemeindeleben, so der Bibel-, Jungmütter-, Kindergottesdiensthelfer-, Bastel- und Frauenkreis. Aus letzterem entstehen die Gemeindeabende, die wegen der Qualität der Themen und Referenten auf eine interessierte Gemeinde treffen (und noch heute Bestand haben). Hinzu kommen Gemeindefahrten zu interessanten Orten der näheren und weiteren Umgebung.

Zum Nachfolger von Frau Räder wählt der Kirchenvorstand 1992 den langjährigen Gemeindepfarrer von Michelbach, Winfried Müller, Landessynodaler, Mitglied der Liturgischen Kammer und Stellvertreter des Dekans im Kirchenkreis Marburg. Nach nur vier Jahre Dienst in der Lukasgemeinde erliegt er im Urlaub einem Herzinfarkt. So konnte er zwar den letzten Gottesdienst in der alten Kapelle mitgestalten, aber die Einweihung der neuen Kirche 1997 kann er nicht mehr miterleben.

Die Gemeinde leidet zunehmend unter der räumlichen Enge und den raumklimatischen Unzulänglichkeiten des Gottesdienstraumes und an fehlenden Räumen für die Gemeindearbeit. Für die Kapelle, ohnehin als Provisorium gedacht, wird eine kostenintensive Grundsanierung unumgänglich. Das Landeskirchenamt genehmigt daraufhin deren Ersatzbau und den Umbau mit Instandsetzung der Gemeinderäume, allerdings mit der Auflage, erhebliche Eigenmittel und Eigenleistungen einzubringen. Nach einer Bauzeit von nur zwei Jahren kann Landesbischof Dr. Christian Zippert am 12. Oktober 1997 mit der Gemeinde die (Wieder-)Einweihung der Lukaskirche feiern. 

Mit dem Kirchenbau ist Architekt Berthold Himmelmann ein eindrucksvolles Werk von schlichter Schönheit gelungen, das sich ungeachtet seiner Eigenständigkeit wohltuend in das Straßenbild einfügt. Trotz der Schwierigkeit des Geländes mit seinem schmalen Zuschnitt kann die historische Ordnung der geosteten Kirche erreicht werden. 

Die durch den plötzlichen Tod von Winfried Müller vakant gewordene Pfarrstelle der Lukaskirche überträgt mit Wirkung vom 1. Januar 1998 der Landesbischof an Gerhard Prölß. Der neue Pfarrer, in Brandenburg geboren, ist zunächst Gemeindepfarrer in Bremerhaven, arbeitet dann von 1978 bis 1984 als Studentenpfarrer in Marburg, danach als Standortpfarrer und zuletzt als Militärdekan. Prölß hat die Partnerschaft des Kirchenkreises mit Moretele /Südafrika mitbegründet. Seine große Leidenschaft ist das Reisen. Daraus Nutzen ziehen kann auch seine Gemeinde mit mehrtägigen, thematisch ausgerichteten Gemeindefahrten.

In seine Amtszeit fällt der liturgische und künstlerische Abschluss des Kirchenbaus durch  Glocken und Orgel. Am 15. Mai 1998 werden in der Glockengießerei Rincker / Sinn, in Anwesenheit von Dekanin Helga Bundesmann-Lotz und einer Abordnung aus der Gemeinde, unter Gebet und Segen drei Bronzeglocken gegossen. Bereits drei Monate später klingt das volltönende Geläut mit der Disposition h, d und e erstmals vom Turm der Lukaskirche und trägt die Botschaft der drei Glocken in die Gemeinde und die Stadt: „EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE“, „FRIEDE AUF ERDEN“, „ICH VERKÜNDIGE EUCH GROSSE FREUDE“ (Glockensprüche aus Lukas 2).

Mit dem Bau der Orgel wird Orgelbaumeister Martin ter Haseborg aus Uplengen-Ostfriesland beauftragt. Etwa die Hälfte der Kosten werden von der Gemeinde u. a. durch Pfeifenpatenschaften aufgebracht.

In einem feierlichen Gottesdienst übergibt der Orgelbauer am Erntedankfest 2003 das gelungene Instrument der Lukasgemeinde. Die Ter-Haseborg-Orgel hat zwei Manuale und Pedal mit insgesamt 10 Registern, dazu Koppel, Tremulant und Cimbelstern. Sie fügt sich äußerlich gut in die Architektur der Kirche ein und füllt klanglich schön den Raum, zum Lobe Gottes in Gesang und Orgelspiel und zur Freude der Gemeinde und Organisten.

Auf Gerhard Prölß folgt 2007 der bisherige Stadtjugendpfarrer Karl-Günter Balzer als neuer Gemeindepfarrer. Die Stelle ist allerdings mit einem Zusatzauftrag verbunden, obwohl die Gemeinde über 1400 Mitglieder zählt. Die Kirchenleitung überträgt ihm den übergemeindlichen Dienst der „Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Marburg-Stadt“. Konkret bedeutet das die Leitung der KIM-Redaktion („Kirche in Marburg“), was allerdings der journalistischen Zusatzausbildung von „Kally“ Balzer entgegen kommt. Auch der neue Pfarrer setzt die Tradition der Gemeinde- und Studienfahrten fort. Auf eigenen Wunsch wechselt Pfarrer Balzer 2012 vom Gemeindedienst in den übergemeindlichen Dienst der Landeskirche und ist u.a. zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im Sprengel.

Die drei Glocken der Lukaskirche (Foto: Rolf Kuntsche)
Die Ter-Haseborg-Orgel der Lukaskirche (Foto: Karl Prätorius)

Zur Umsetzung von Sparmaßnahmen in die gemeindliche Praxis stehen wichtige Entscheidungen des Landeskirchenamtes, der Landessynode und des Gesamtverbandes an. So wird auch  die Vakanz in der Lukaskirche von dieser Entwicklung geradezu überrollt. Soll die vakante Pfarrstelle neu besetzt werden? Kann das Gemeindezentrum erhalten bleiben? Die Idee der Fusion mit der benachbarten Paulusgemeinde, deren beider Mitgliederzahlen (921 zum Stichtag 1.12.2017 Paulus: 921 und Lukas:1127) zusammen für eine volle Pfarrstelle ausreichen würde, wird als Lösung im Sinne von Sparmaßnahmen favorisiert. (Nebenbei: Zum 1. Januar 2012 tritt die Fusion des Kirchenkreises Marburg-Stadt mit den Nachbarkirchenkreisen Marburg-Land und Kirchhain in Kraft.) 

Bischof Dr. Hein schlägt schließlich für die Nachfolge von Pfarrer Balzer den Stelleninhaber der Nachbargemeinde, Dr. Markus Rahn, vor. Er soll künftig mit je einer halben Stelle für die Lukas- und Pauluskirche zuständig sein. Am 23. Juni 2013 führt Dekan Burghard zur Nieden den aus Bremen stammenden Markus Rahn in sein neues Amt in der Lukaskirche ein. – Ein erster Schritt dahin, auch die Gemeinden selbst zusammenzuführen. 

In zahlreichen, zuweilen kontrovers geführten Verhandlungen in der Folgezeit, finden die beiden Kirchenvorstände schließlich zu folgenden Vereinbarungen: 

  • Lukas- und Paulusgemeinde fusionieren zum 1. Januar 2019.
  • Neuer Name: „Evangelische Kirchengemeinde Lukas und Paulus in Marburg“.
  • Lukas- und Pauluskirche bleiben dauerhaft als Gottesdienststätten erhalten.
  • Gemeinsames Gemeindezentrum wird die Pauluskirche.
  • Die vereinte Kirchengemeinde bleibt im „Gesamtverband der Evangelischen Kirchengemeinden“ zur Vertretung gemeinsamer Belange aller Kirchengemeinden und zur Verwaltung von Vermögen und Finanzen.

Die so getroffenen Vereinbarungen bedeuten im Umkehrschluss, dass Lukas sämtliche Gemeinde- und Pfarrdiensträume im Altbau ihres Gemeindezentrums und die Pfarrdienstwohnung aufgeben muss. Die freigesetzten Räume werden einer anderen Nutzung (Vermietung an Terra Tech) zugeführt. Der Lukasgemeinde bleiben damit neben dem Gottesdienstraum nur der Mehrzweckraum im Erdgeschoß (unter dem Kirchenraum) und die nebenliegenden Toiletten erhalten.

Mit der Fusion zum 1. Januar 2019 verliert die Lukaskirchengemeinde ihre Eigenständigkeit - und gewinnt eine neue Gemeinde hinzu.

Die Ausstattung der Lukaskirche

Das Bauwerk Lukaskirche ist nach innen und außen wohlgeordnet. Altar, Taufe und Kanzel haben als Hauptstücke ihren eigenen ausgeprägten Ort und sind bereits von außen erkennbar. Die liturgischen Bereiche sind durch einen kreis- bzw. halbkreisförmigen Grundriß erkennbar und über jeweils eine Stufe zu erreichen. Ihr Sandsteinbelag harmonisiert gut mit dem finnischen Granit der sonstigen Bodenplatten. Licht- und Linienführung im Innern der Kirche sind harmonisch abgestimmt. Farbgebung und verwendete Materialien vermitteln den Gesamteindruck eines hellen, freundlichen, einladenden Raumes. 

Links von der gemauerten Kanzel wird statt des Grundsteins eine Kupferkassette mit ausgewählten Dokumenten (Bibel, Gesangbuch, Kirchenchronik, Tageszeitung, KiM, Satz im-Umlauf-befindlicher Münzen in die Kirchenmauer eingelassen und mit einer Eisenplatte dauerhaft verschlossen.

Im Zentrum der Apsis steht der aus Eichenholz gefertigte Altartisch. Er wurde aus dem Bestand der ehemaligen Kapelle übernommen, wie auch die Altarbibel (Abschiedsgeschenk von Pfarrerin Räder), das Altarkreuz (Beigabe in einem Care-Paket an Pfarrer Schallehn) und das Rundfenster hinter dem Altar.

Das Heilig-Geist-Fenster in der Apsis ist ein Werk der in Wetzlar geborenen Glasmalerin Hilde Ferber aus dem Jahre 1954, gefertigt in der Glaswerkstatt Heberle in Hagen-Haspe. Studienrätin Hilde Ferber unterrichtet u. a. in Treysa Kunsterziehung und Religionspädagogik. Mit dem Glasbild des Rundfensters, das erste Näherungen an die Grisaille Malerei mit ihren Grauschattierungen zeigt, übersetzt sie das Pfingstwunder aus der Apostelgeschichte in ihre eigene Bildsprache.

Die auflodernden Flammen eines offenen Feuers sind das Motiv der beiden Glasbilder rechts und links vom Altar. Die Darstellungen nehmen Bezug auf die Weihnachtsgeschichte des Lukas, indem sie die frohe Botschaft der Engel thematisieren: „Fürchtet euch nicht“ und „Siehe, ich verkündige euch große Freude“ (Lukas 2, 10). Durch die Schriftzüge in Schwarzlotmalerei verstärkt der heimische Glasmaler E. Jakobus Klonk noch den Leitgedanken, macht aus dem vergänglichen Ereignis des Feuers ein zukunftsfähiges Geschehen. Klonk, in Marburg geboren, hat in Oberrosphe ein eigenes Atelier. Er arbeitet bei den Fenstern der Lukaskirche mit „echt Antikglas“ aus der Glashütte Lamberts in Waldsassen

In den beiden Fenstern der Taufe sind mit Schwarzlot Gebetsverse des Propheten Jona hineingeschrieben, die das unterstreichen, was Farben und Linien malerisch aussagen: „Alle Deine Wogen und Wellen gehen über mich hin“ und „Aber Du hast mich aus dem Verderben geführt“ (Jona 2, 4 und 7). Die starke Farbigkeit der Fenster dämpft das Licht des Taufraums und setzt ihn so gewollt vom übrigen Kirchenraum ab.

Der achteckige Taufstein hat in der Mitte eine kreisrunde Vertiefung mit herausgearbeiteter Luther-Rose. Zur Taufe nimmt diese Aussparung eine Silberschale auf für das Taufwasser. In den oberen Rand des Steins sind die Luther-Worte eingemeißelt: „Ich bin getauft“. Das Taufbecken wird von drei Rundsäulen getragen und erinnert so an die Grundlegung der Taufe in der Trinität Gottes.

Der Taufstein, von einer Familie aus der Gemeinde gestiftet, wurde nach einem gemeinsamen Entwurf des Architekten, des Pfarrers und des Stifters von Steinmetzmeister Heinrich Müller / Wetter aus Vogesensandstein gefertigt.

Die drei Westfenster setzen das Motiv des Gebets aus der Taufkapelle fort. Das linke Fenster sagt etwas aus über das Gebet des Sich-Sehnens und Bittens: aus der erdfarbenen Figur drängen die geknickten, jedoch nach oben offenen Linien hinauf, dorthin, wo ihnen das satte Blau, die Farbe des Himmels, entgegen kommt. Wo sich die grau-braune Figur und das Blau berühren, entsteht Rot, das Rot des Feuers, der Liebe, der Aktion. 

Das mittlere Fenster meint das vertrauende, geborgene Gebet. Hier scheint das Blau der Treue Gottes mit hellen Linien von oben gekommen zu sein und in der Figur, die es umgreift und festhält, zu ruhen.

Das Fenster am Aufgang zur Empore ist das farbigste der drei Fenster. Das Dunkelblau des Fundaments ist hochgereckt und zu einem satten Violett gesteigert. Von links oben kommt mit Weiß und Lichtblau eine Bewegung herein. Heftig hin- und hergehenden Schwarzlotlinien beschreiben einen lebhaften Dialog, der offen ist, auch nach außen, für Dank, Zuversicht und Verkündigung: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn, dass ich  verkündige all dein Tun“ (Ps. 73, 28).

Auch die Fenster über der Empore sind Ausdruck der Suche nach Gott, Versuche, mit Linien und farbigen Gläsern Gebete zu formulieren.

Die von Martin ter Haseborg entworfene und gebaute Orgel ist optisch und klanglich gut auf den Raum abgestimmt. Ihr Standort ist die Empore. Mit der Fertigstellung und dem Einbau der neuen Orgel ist die Ausstattung der Lukaskirche in Marburg - und damit ihr Bau insgesamt - abgeschlossen.

Zum Schluß:

Als Probst Weber am 13. März 1953 das neue Zentrum in der Zeppelinstraße der Lukasgemeinde übergibt, definiert er Kirche so: „Eine Kirche ist ein Raum, von dem das Leben ausgeht und wahres Leben besteht im Lob und in der Anbetung Gottes“. - Eine Kirche voller Leben, das ist ein guter Wunsch, auch für die Zukunft beider Gemeinden im Verbund, Lukas und Paulus.

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